Joke J. Hermsen: Rosa und Hannah - Eine Begegnung

Roland Wiegmann

Was haben Rosa Luxemburg und Hannah Arendt miteinander zu tun? Die eine marxistische Revolutionärin, die andere bürgerliche Intellektuelle.

Was haben Rosa Luxemburg und Hannah Arendt miteinander zu tun? Die eine marxistische Revolutionärin, die andere bürgerliche Intellektuelle.

Hannah Arendt musste fliehen vor dem totalitären Nazi-Faschismus und ist für Sätze berühmt wie: »Wo alle einer Meinung sind, ist es nicht notwendig zu denken.«[^1] Aber auch z.B.: »Die Wahlen sind eine elementare Voraussetzung zur Bildung einer Regierung, aber nicht zur Bildung von Freiheit.«[^2] Rosa Luxemburg - von Bürgerlich-Liberalen bis heute verleumderisch immer wieder in die Tradition des Stalin-Terrors gestellt, kennen wir - abgesehen von ihren zigmal wiederholten bekannten Zitaten als die Marxistin, die trotz mindestens 4 großer Karriere-Hindernisse - als Frau, als Polin, als Jüdin und mit einer körperlichen Behinderung - die sPD des Kaiserreichs aufmischte und von rechtsradikalen Freikorps ermordet wurde.
Berühmt wurde Arendt u.a. für ihren umstrittenen Bericht über den Eichmann-Prozess „Banalität des Bösen“ (1964): Sie zeigt in diesem Bericht, wie ein bürokratischer, hoher Nazi-Funktionär sein grauenvolles Handeln nicht aus fanatischer Bosheit, sondern aus gedankenloser Pflichterfüllung, Karrieregehorsam und Abstraktion von Verantwortung darzustellen versuchte und so auf geradezu banale Weise zum Täter wurde.
Im unmittelbaren Anschluss veröffentlichte Arendt 1966 ihr Luxemburg-Porträt "A Heroine of Revolution", worin sie die Revolutionärin als unorthodoxe, selbstständig denkende, deutsch-jüdische Marxistin polnischer Herkunft würdigt - und darin auch mutig ihre Kritik an der Regierung der jungen BRD äußert: »Die Bonner Regierung, in dieser wie in anderer Hinsicht nur allzueifrig bemüht, die bedenklicheren Züge der Weimarer Republik aufleben zu lassen, hat ... zu verstehen gegeben, daß es sich bei der Ermordung von Liebknecht und Rosa Luxemburg um eine Hinrichtung in Übereinstimmung mit den Kriegsgesetzen und somit um einen legalen Vorgang gehandelt habe.«[^3]

Die öffentlichen Stellungnahmen Arendts zu politischen Ereignissen waren unter Gegnern und Freunden häufig umstritten; ihre Zivilcourage wurde oft als Unnachgiebigkeit wahrgenommen und bekämpft. Diese Spitzen finden sich allerdings nicht in Joke Hermsens Buch. Aber Hermsen bringt dafür die beiden Frauen leicht lesbar quasi miteinander ins Gespräch – nicht biografisch, sondern ideell. Ihre Gemeinsamkeit: ein radikal freiheitliches Politikverständnis, das nie Machttechniken, sondern die Würde des Menschen ins Zentrum rückt. Arendts Begriff des „Geborenwerdens“, die Idee, dass mit jedem Menschen etwas grundlegend Neues in die Welt kommt, trifft sich mit Luxemburgs Überzeugung, dass der Sozialismus nur aus Freiheit (nicht bürgerlich-liberaler sondern demokratischer Freiheit!) bestehen kann – oder gar nicht. Beide verachten Anpassung, beide warnen vor Bürokratismus, Dogmatismus und politischem Zynismus.

Hermsen beschreibt den Prozess ihrer eigenen Aneignung der Werke Luxemburgs während Corona-Zeit und Protestwelle der französischen 'Gilet Jaunes' 2018-19 und vergleicht die beiden Frauen nicht trocken-akademisch, sondern mit Liebe zu Sprache, Philosophie und Revolte, in der die gemeinsame Sympathie der beiden für die Rätebewegung nicht zu kurz kommt und auch die Pariser Kommune von 1871 ihren Platz findet. Sie liest Luxemburg als „Arendt näher als man denkt“, als radikale Demokratin, die sich von der Partei nicht vereinnahmen ließ, als Frau, die das Denken nie dem Zweck unterordnete – und damit für Arendt zur Vordenkerin wurde, auch wenn Arendt durch Luxemburg nicht zur Marxistin wurde.
In den zweiten Teil des Buches stellt Hermsen eine Auswahl berührender Briefe Luxemburgs – darin eine mehrschichtige, sprachgewaltige Beschreibung der menschlichen Gesellschaft - an Mathilde Wurm aus der Festungshaft in Wronke (1917): »Die Psyche der Massen birgt stets in sich, wie Thalatta, das ewige Meer, alle latenten Möglichkeiten: tödliche Windstille und brausenden Sturm, niedrigste Feigheit und wildesten Heroismus. Die Masse ist stets das, was sie nach Zeitumständen sein muß, und sie ist stets auf dem Sprunge, etwas total anderes zu werden, als sie scheint.«[^4]
Massenbewusstsein ist also kein statischer Zustand, sondern wird von historischen, sozialen, politischen Bedingungen geprägt – und kann sich vor alllem jederzeit wandeln. Das gibt uns heute Anlass zu Furcht wie auch Hoffnung. Die potenzielle Fähigkeit zur radikalen Veränderung ist immer da – im Guten wie im Schlechten.
Hermsen kommentiert dies hochaktuell mit: »Hoffen wir, dass wir zusammen in der Lage sein werden, den Sprung zu wagen, der eine auf Nachhaltigkeit, Solidarität und Inklusivität gegründete Gesellschaft entstehen lassen kann. Wir haben faktisch auch keine andere Wahl. So weitermachen wie bisher ist keine Option.«[^5]

Lesen. Nachdenken. Gemeinsam streiten – für das gute Leben,
nicht für den perfekten Plan.

(rw)

Fußnoten
[^1]: Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, Piper 1967, S. 11
[^2]: Arendt: Über die Revolution, S. 316
[^3]: Arendt: Rosa Luxemburg: Der Monat 12/1968 (dtsch. Version von "Heroine of revolution",1966), S. 29
[^4]: Luxemburg 16.02.1917, Brief an Mathilde Wurm, Gesammelte Briefe, S. 176, in Hermsen 2023, S. 82
[^5]: Hermsen 2023, S. 82)