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"Systemrelevanz" - Krankenpflege in Zeiten von Corona

Nina Geier, Krankenpflegerin

ein Bericht der Krankenpflegerin Nina Geier, tätig für einen privaten Krankenhauskonzern in Hamburg. 

Anlässlich unserer Abschlusskundgebung zum Thema “Das Gesundheitswesen von Profit-Virus befreien” hielt sie eine aufrüttelnde Rede, in der sie von ihrer Arbeit in Zeiten von Corona und Pflegenotstand berichtete. Nina hat sich bereiterklärt, ihre Rede an dieser Stelle veröffentlichen zu lassen, wofür wir uns herzlich bedanken. 

Die Ansprache Nina Geiers im Wortlaut: 

Systemrelevant werden wir plötzlich genannt…

Davon haben wir jahrelang nichts gemerkt, relevant war immer nur, möglichst viele Patienten aufzunehmen – egal ob ausreichend qualifiziertes Personal da war oder nicht. „Das schafft ihr schon“ bekamen wir immer zu hören. Die Frage ist doch: was schafft eine Pflegekraft, die im Tagdienst häufig für 15 bis 20, nachts sogar für über 30 Patienten Sorge tragen soll?! Mehr als eine Patientenversorgung, die der Arbeit am Fließband in einer Fabrik gleicht, ist da nicht möglich.

Man könnte es auch so ausdrücken: Die Patienten sind sich selbst überlassen. Wer sich nicht selbständig meldet, wenn es ihm nicht gut geht, oder wer dies nicht kann, der hat Pech und muss stundenlang warten, bis eine Krankenschwester kommt, um nach dem Rechten zu sehen. Nicht selten ist es dann schon zu spät, und wir finden Patienten nach einem Sturz auf dem Boden in ihrem Blut liegend oder gar leblos im Bett vor.

Hinterher plagt uns unser Gewissen. „Hätten wir das nicht verhindern können?!“

Natürlich! Dafür sind wir doch da! Aber das geht nicht mit dem Minimum an Personal, das die Kliniken zur Kostenersparnis einsetzen.

Viele Kollegen halten diesen Druck, den Stress im Alltag, diese innerlichen Gewissensfragen und den täglichen Spagat zwischen Zeitnot und ihrem eigenen Anspruch, den Bedürfnissen der Patienten gerecht zu werden, nicht mehr aus. Sie enden im Burnout oder wechseln vorher den Beruf, der sie kaputtmacht, den sie einst aus Überzeugung gewählt haben, der vielleicht sogar einmal ihr Traumberuf war.

Das alles war schon unsere Alltagsmisere vor Corona!

Aber jetzt wurden vor lauter Angst, das allseits bekannt knäppliche Personal könnte für einen hohen Ansturm von Patienten nicht ausreichen, einfach die Arbeitszeitgesetze ausgehebelt. Nun dürfen die Arbeitgeber uns anweisen, 12-Stunden-Schichten zu leisten- ganz legal! Wie unverhältnismäßig diese Gesetzesänderung ist, zeigt, dass zur Zeit Kollegen unfreiwillig Urlaub und Überstunden abbauen müssen oder sogar in Minusstunden geschickt werden, denn aktuell stehen einige Betten leer, die vorsorglich für Covid-Patienten freigehalten werden, wodurch sich die Kliniken eine Bonuszahlung vom Bund sichern.

Doch die Frage ist doch, worum geht es hier in dieser Pandemie wirklich? 

Um Infektionsschutz und Patientensicherheit?

Dann muss man sich fragen, wie dies mit der Tatsache vereinbar ist, dass wir als Klinikpersonal - wenn wir Kontaktpersonen von positiv auf Covid19 Getesteten sind - nur in eine Art „Scheinquarantäne“ geschickt wurden. Das heißt, wir durften nicht einkaufen gehen, nicht die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und unsere Familien wurden auch gleich mit isoliert, aber im Krankenhaus arbeiten sollten wir weiterhin – zwar mit Mund-Nasen-Schutz, aber auch mit hoch gefährdeten Patienten!

Einige meiner Kollegen, die wie ich wochenlang auf unserer Covid-Station nur mit positiven Patienten gearbeitet haben, mussten sogar zwischendurch, als wir nur wenige Patienten bei uns auf Station hatten, in anderen Fachbereichen auf anderen Stationen für einzelne Dienste aushelfen, also hin- und herspringen zwischen hoch infektiösen und hoch gefährdeten Patienten! Ich finde das unverantwortlich!

Aber es gab auch andere Phasen in der Krise. Vor wenigen Wochen noch war unsere Station brechend voll mit alten, schwerst pflegebedürftigen Patienten aus den Pflegeheimen. Es war ein immens hoher Pflegeaufwand, da sich die Patienten in schlechtem Allgemeinzustand befanden und sich weder selbständig bewegen, noch essen und trinken, noch ihre Ausscheidungen verrichten konnten. Ein großer Teil von ihnen war an Demenz erkrankt. Das heißt, sie rissen sich ununterbrochen die Sauerstoffschläuche aus der Nase oder die venösen Zugänge aus den Armen, was die ganze Therapie so gut wie unmöglich machte.

Die wenigen dementen Patienten, die noch mobil auf den Beinen waren, liefen häufig aus ihren Zimmern und in der ganzen Station herum und gefährdeten damit alle, da sie ja infektiös waren, aber dies nicht verstanden und entsprechend vehement dagegen ankämpften, wieder zurück in ihr Zimmer zu gehen.

Wir fühlten uns oft so hilflos – einerseits konnten wir diese armen Menschen nicht einsperren, andererseits ging von ihnen eine hohe Infektionsgefahr aus.

In unserer Not stellten wir leere Betten von außen vor die Zimmertüren und verabreichten vermehrt ruhigstellende Medikamente. In dieser Phase hätten wir dringend mehr Personal in jeder Schicht benötigt, doch da war das Argument der Geschäftsführung, es wäre “ein zu hohes Risiko“, Kollegen von anderen Stationen zur Hilfe heranzuziehen. Und unsere Kollegen, die freiwillig angeboten haben, zusätzliche Dienste zu übernehmen, um ihrem Team unter die Arme zu greifen, bekamen keine Freigabe dafür mit der Begründung, die Anzahl der Pflegekräfte sei „ausreichend für die Anzahl an Patienten“, ungeachtet des hohen pflegerischen Aufwands und der Zeit, die wir für ständiges An- und Auskleiden der Schutzausrüstung vor Betreten jedes Zimmers benötigen. 

Die Dienste in dieser Zeit waren körperlich und psychisch eine große Herausforderung für uns alle. Viele der besagten schwerkranken Patienten starben. Nur nicht so, wie man sich ein würdiges Ableben vorstellt. Sie starben einsam und allein, da Angehörige sich auf Grund des Besuchsverbots ausnahmslos nicht verabschieden durften. Wir hatten auch keine Zeit, eine adäquate Sterbebegleitung zu leisten. So war das Letzte, was diese armen, sterbenden Menschen sahen, gehetzte Pflegekräfte, deren Gesichter unter der ganzen Schutzkleidung nicht mal erkennbar waren. Die Patienten so - in meinen Augen - unwürdig und verängstigt sterben zu sehen und gleichzeitig ihre Angehörigen am Telefon zu vertrösten, die sich besorgt nach dem Zustand ihrer Liebsten erkundigten, empfand ich als sehr belastend!

Auch das stundenlange Arbeiten in dieser vollen Montur sorgte immer wieder für erschwerte Bedingungen. Das Tragen von FFP-Masken über längeren Zeitraum verursachte bei vielen Kollegen Druckstellen und Augenentzündungen bis hin zu erschwerter Atmung. Das ständige Schwitzen unter Plastikkitteln und das übermäßige Händedesinfizieren löste bei vielen Hautprobleme aus.

Dazu kam die ständige Unsicherheit bezüglich der Hygienevorschriften – die wurden nämlich alle paar Tage gerändert. 

Welche Masken, welche Kittel, bei welchen Tätigkeiten wie getragen werden mussten – kaum hatte man wenige Tage frei, gab es wieder neue Anweisungen.

Das schafft nicht gerade Vertrauen und Glaubwürdigkeit!

Hinzu kam noch zu jedem Dienstbeginn die Sorge, ob denn noch genügend Schutzausrüstung für die Schicht zur Verfügung steht, denn es werden bis heute immer nur kleine Tagesrationen für die Stationen ausgegeben, die dann auch reichen müssen. Vorräte im Lager gibt es schon lange nicht mehr.

So sah monatelang unser Arbeitsalltag aus. Aber nun bekamen wir wenigstens Applaus aus dem Bundestag. Danke Herr Spahn!

Alles, weil man jetzt erkannt hat, war, dass wir systemrelevant sind. Anscheinend aber nicht relevant genug, denn für eine allgemeinverbindliche Gehaltszulage für alle Berufsgruppen, die an vorderster Front Kontakt zu infizierten Patienten hatten, reichte es dann doch nicht. Genauso wenig wie für verbindliche Zusagen über die Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen nach der Corona-Zeit. 

Ich habe die Befürchtung, dass aus Wut und Frust darüber noch mehr Kollegen den Beruf verlassen werden und es für alle Übrigen dann noch schlimmer wird…
 

Abschließend bleibt zu sagen, dass der ganze Marktgedanke, vor allem das Fallpauschalensystem,  im Gesundheitswesen fehl am Platz ist. Kein Patient hat sich seine Erkrankung ausgesucht, und unsere Gesundheit ist auch keine Ware!

Krankenhäuser gehören in öffentliche Hand und müssen sich am Gemeinwohl und an den Bedürfnissen der Bevölkerung orientieren, nicht am Profitstreben von Wirtschaftsunternehmen!

 

 


»DIE LINKE kämpft in einem großen transformatorischen Prozess gesellschaftlicher Umgestaltung für den demokratischen Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Dieser Prozess wird von vielen kleinen und großen Reformschritten, von Brüchen und Umwälzungen mit revolutionärer Tiefe gekennzeichnet sein.«

Erfurter Programm der Partei DIE LINKE, Berlin 2012, S. 45

DIE LINKE. Hamburg, Programm zur Bürgerschaftswahl 2020

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