Ingar Solty: Alexandra Kollontai, Kommunismus und sexuelle Befreiung (Brumaire, Nov. 2025)

Roland Wiegmann

Ein Buch, das Vergessenes neu zugänglich macht – und zugleich zeigt, wie aktuell marxistisch-feministische Kritik sein kann. Ingar Solty holt mit Alexandra Kollontai: 'Kommunismus und sexuelle Befreiung' eine Revolutionärin zurück in's Bewusstsein, für die „Feminismus“ ohne Klassenkampf und Bruch mit Eigentums‑ und Liebesverhältnissen nichts als bürgerliche Kosmetik wäre. Kollontai erscheint hier nicht als historische Ikone, sondern als Klassenverräterin im besten Sinne: eine Frau aus herrschender Klasse, die ihr Leben der proletarischen Frauenbefreiung, der Vergesellschaftung von Sorgearbeit und einer kommunistischen Sexualmoral widmet, Rebellin gegen Patriarchat und Partei-Disziplin, Theoretikerin der proletarischen Frauenbefreiung. 
Mitte November lag nun das mittlerweile neunte Bändchen von Ingar Soltys Edition Marxismen als kleines Taschenbuch in meinem Postkasten: Alexandra Kollontai, Kommunismus und sexuelle Befreiung

Solty holt diese in linken Kreisen weitgehend unbekannte Revolutionärin in die Riege mit Marx & Engels, Zetkin, Luxemburg, Lenin oder Trotzki. Geboren genau 1 Jahr nach Rosa Luxemburg, aus sehr wohlhabendem Elternhaus, hätte sie luxuriös leben können, suchte stattdessen aber im zaristischen Russland eine Gesellschaft, „in der Frauen nicht nach ihrem Prinzen suchen, sondern frei lieben können, weil sie durch eigene Erwerbsarbeit von der ökonomischen Abhängigkeit vom Mann befreit sind“ und so einen Lebenssinn im Öffentlichen finden (S: 9) – Kollontai, eine Klassenverräterin im positiven Sinne.

In der marxistischen Theorie entdeckte sie, wie eine reale Frauenbefreiung gelingen könnte. Alexandra Michailowna Kollontai war Revolutionärin, Feministin, Bolschewikin; nach der Oktoberrevolution Volkskommissarin für Soziale Fürsorge und damit erste Frau in einer zentralstaatlichen Regierung. Ihre Lebensthemen: die proletarische Frauenbefreiung, Vergesellschaftung von Haus- und Sorgearbeit, Bruch mit bürgerlicher Ehe/Besitzliebe und solidarische Sexualmoral als Teil kommunistischer Emanzipation. In ihrer kurzen Amtszeit 1917/18 setzte sie zentrale Forderungen der sozialistischen Frauenbewegung durch: rechtliche Gleichstellung in Ehe/Scheidung, Mutterschutz, Kündigungsschutz für Schwangere/Wöchnerinnen, kostenlose Entbindungen, Mütterberatungsstellen, Abtreibungslegalisierung und erste Schritte zur Sorgearbeit-Vergesellschaftung.

Diese Phase endete rasch: 1918 trat sie aus Protest gegen die Verhaftung ihres Mannes Dybenko (Flottenkommissar) und im Konflikt um Brest-Litowsk mit Lenin/Trotzki von ihrem Amt zurück. Bis zur Revolution loyal zu Lenins Kurs (zuvor menschewistisch wie Trotzki), kritisierte sie ab 1920 das Konzept der Partei als „Vorhut der Arbeiterklasse“ als hierarchisch. Sie plädierte für betriebliche Selbstverwaltung und gewerkschaftliche Volkswirtschaftsleitung statt verselbständigter Bürokratie – ähnlich Luxemburgs Kritik an Lenins Zentralismus 1904 in „Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie“. Lenin geißelte das als „anarchosyndikalistische“ Abweichung; Kollontai wurde von der innerparteilichen Kritikerin zur „Gefahr“.

In der „Arbeiteropposition“ (bolschewistische Strömung, 1919-22) forderte sie mehr Arbeiterkontrolle, weniger Zentralismus und kämpfte gegen zunehmende bürokratische Zentralisierung und Demokratie-Einschränkungen. Die Parteiresolution „Über die Einheit der Partei“ (1921) verbot Fraktionen, brandmarkte die Opposition als „syndikalistisch-anarchistisch“ und löste sie auf. Kollontai bat Stalin um eine Aufgabe im Ausland. Sie wurde Gesandte in Norwegen, dann Schweden – über 20 Jahre Botschafterin und Doyenne des diplomatischen Korps in Stockholm.

Ihr Leben lang hielt Kollontai Vorträge und schrieb Bücher wie „Die Frau als Arbeiterin in der gegenwärtigen Gesellschaft“, „Mutterschutz“, „Communism and the Family“, „Moral als Instrument von Klassenherrschaft und Klassenkampf“ oder „Ein Weg dem geflügelten Eros“ (S: 190 ff.). Clara Zetkin und sie prägten in der sozialistisch/kommunistischen Frauenbewegung eine klassenorientierte, proletarische Politik gegen bürgerlichen Feminismus, obwohl der Gegensatz „erst Klassen-, oder erst Frauenfrage" für beide irrelevant war - vielmehr standen sie für: Ohne Organisierung proletarischer Frauen kein Sieg des Sozialismus, ohne Kapitalismus-Bruch keine volle Befreiung der Frau. Jede ernste Frauenbewegung müsse den Klassenkampf führen, nicht appellieren an „Männerbewusstsein“.

Kollontai sah, dass das Patriarchat (wesentlich älter als der Kapitalismus) durch kapitalistische Ausbeutungsstrukturen vermittelt wurde. Die soziale Basis der Frauenunterdrückung lag in den Produktionsverhältnissen: Frauenunterdrückung resultiere aus ihrer Integration in die kapitalistische Lohnarbeit doppelt – als Arbeiterinnen durch das Kapital, als Frauen durch Männer – weshalb sie u.a. die Vergesellschaftung von Haus- und Sorgearbeit forderte.

Ingar Solty zeichnet präzise nach: Frauenfreiheit entstand wirtschaftlich – „Privatunternehmen erkannten die Vorteile billigerer, weniger aufsässigerer Arbeitskräfte“; Forderungen nach politischen Rechten fehlten, da „selbst Männer keine hatten“ (S: 51). Proletarierinnen forderten nicht das Recht zu Studieren oder "Freiheit der Arbeit", sie forderten staatliche Normierungen gegen Ausbeutung und Nachtarbeit (S: 53).

Solty greift auch Katharina Volk auf, die eine Rede Kollontais von 1908 zitiert: »Die ‘Frauenfrage’ erwuchs „nicht auf Grundlage von plötzlich gereiften Bedürfnissen nach geistigen Genüssen, vom Streben nach Wissenschaft und Wissen […] – nein sie trat als unausweichliche Folge der Kollision von erstarrten Formen sozialen Zusammenlebens mit den Produktionsverhältnissen, die sie überholt hatten, auf, einer Kollision, die auch die weitaus ernsthafteste Frage unserer Tage hervorrief – die Frage der Arbeit“ (Kollontai 1979a: 41).« (K. Volk: Frauenfragen, in Prokla 174/2014, Materialistischer Feminismus: 13)

Es gelingt Ingar Solty in diesem Taschenbuch, den ganzen Fächer von Kollontais Leben und Wirken mehr als nur anzureißen. Er beschreibt z.B. Kollontais Verständnis der Frauenfrage innerhalb Patriarchat und Klassenfrage so: »Auf heute übertragen läge dem Feminismus, wie ihn Kollontai denkt, der Kampf um eine gendersensible Sprache, die entsprechende Modifikation alter klassischer Literaturwerke und Überzeugungsarbeit zur Veränderung von Sprachgewohnheiten absolut fern. Ebenso tendenziell unvereinbar wären andere idealistische Vorgehensweisen und Praxen, wie etwa die Schaffung von "Awareness"-Tagen und "Advocacy"-Arbeit. Äußerst befremdlich fände Kollontai zweifellos den Versuch, die Unternehmenskultur durch Frauen in Managementpositionen zu ändern - philosophisch, weil ganz und gar idealistisch, und politisch, weil sie schließlich das Management von Menschen durch Menschen, den Kapitalismus überwinden will. Ebenso würde sie die Annahme als idealistisch zurückweisen, der "Gender Pay-Gap" sei auf "männlich gelesene" Industriebranchen zurückzuführen, weshalb man nun Frauen ermutigen müsse, sich diese Branchen zu "erobern".« (S: 43f.) Aber auch: »Mit ihren Überlegungen zur "neuen Moral" als einer Form des Klassenkampfs auch nach der Revolution geht Kollontai noch über Zetkin hinaus und ist damit auch anschlussfähiger für den Kampf gegen sexualisierte Gewalt und Femizide als spezifische Unterdrückungsformen des Patriarchats.« (S: 44)

Solty spannt einen fesselnden Bogen: Kollontais Antikriegskampf, Rolle in Februar-/Oktoberrevolution, Frauenbefreiung, Arbeiterklassen-Moral, Geschlechter/Liebe im Sozialismus bis Diplomatie. Er endet poetisch mit Tony Kushner: „Zeigt mir die Worte, die die Welt ändern werden, oder schweigt [...] zeigt mir das Buch der nächsten bildschönen Theorie, ich verspreche Euch, diese blinden Augen werden wieder sehend, bloß um sie zu lesen“ ... Es noch einmal und dann besser zu malen, wird unweigerlich auch mit der Eleganz der Pinselstriche aus Leben und Werk dieser Revolutionärin für den Kommunismus geschehen.« (S:188 f.)

Soltys Edition Marxismen macht lebendigen Marxismus greifbar – empfehlenswert für alle, die Theorie mit Leben verbinden wollen.

Lesen. Nachdenken. Gemeinsam streiten – für das gute Leben, nicht für den perfekten Plan.

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