"Aus dem Nebel des Krieges - Die Gegenwart der Ukraine". Mishchenko/Raabe (Hg.), Suhrkamp

Gernot Wolter
Kultur Kritik

Buchvorstellung:
"Aus dem Nebel des Krieges - Die Gegenwart der Ukraine".
Mishchenko/Raabe (Hg.), Suhrkamp

 

„Wofür kämpfen wir? Natürlich nicht für das absolute Gute.
Wir sind keine "Krieger des Lichts", sondern ganz gewöhnliche
Menschen mit all ihren Unzulänglichkeiten"

Artem Chapeye (Schriftsteller PEN Ukraine)

 

Wenn man mal wieder das Gefühl hat, dass alle zu Hobby-Geostrateg:innen werden und nur noch auf der Ebene von internationalen Verflechtungen über den russischen Angriffskrieg gesprochen wird, lohnt es sich, mal wieder auf die Lage der Menschen zu schauen, um diese nicht aus dem Blick zu verlieren.

Die Essayistin Kateryna Mishchenko und die Lektorin für osteuropäische Literatur Katharina Raabe haben mit 17 Beiträgen eine beeindruckende Mischung für jede Perspektive zusammengestellt.

Von der Journalistin, die das Schicksal von Mariupol und deren Einwohner:innen schon seit acht Jahren beobachtet, über die Künstlerin, die ihre ausgebombte Wohnung für kurze Zeit zu einer Kunstausstellung umfunktioniert bis zur Soziologin, die schon vor dem Krieg kritisch über Geschlechterverhältnisse in der Ukraine forschte und selbst miterleben muss, dass auch auf der Flucht Frauen wieder die Hauptlast tragen und sich neue soziale Netze an Fluchtorten wie Deutschland bauen und die Familien organisieren müssen. Ein russischsprachige Schriftsteller, der früher nur auf russisch geschrieben und seine Preise auch in Moskau verliehen bekam, schildert, wie in Donezk 2014 russische Einheiten das Ruder übernahmen und vermeintlich russische Bürger schützen wollten und konstatiert: "Ich, ein russischsprachiger Bürger der Ukraine, hatte Russlands Schutz nie gebraucht". Dann begann seine Fluchtgeschichte. Es begegnen einem bei der Lektüre der eingangs zitierte Schriftsteller, der sich zusammen mit anderen sofort freiwillig bei der Armee meldete und schildert mit welcher westlichen Anti-Kriegs-Literatur er aufgewachsen ist und wie sich seine Einstellung durch den Angriffskrieg geändert hat, aber auch die in Moskau geborene Schriftstellerin Alissa Ganijewa, die eine kompromisslose Haltung vertritt, wenn es darum geht, dass sich die Menschen in Russland nicht einfach herausreden können, sondern auch Verantwortung tragen. Auch die "Reduktion auf die Klassenfrage" könne nicht Verantwortung übertünchen. Damit schere man Täter und Opfer über einen Kamm.
Fazit: Eine Tiefenbohrung in den Krieg und eine lohnenswerte Lektüre.