Judenhass Underground - Antisemitismus in emanzipatorischen Subkulturen und Bewegungen (Potter/Lauer)

Gernot Wolter
Kultur Kritik

"Egal, wo wir ansetzen, kommen wir bei einer Sache raus: Es gibt nicht genug Wissen über Antisemitismus"
Shahrzad Eden Osterer, Journalistin

Der große Vorteil dieses Buches ist, dass es ganz neu im Buchhandel ist aber noch vor den Massakern der Hamas an Jüd:innen am 7.10.2023 veröffentlicht wurde. Wer dies vorher gelesen hat, wundert sich nicht über die Diskussionen nach dem Massaker.
Schonungslos sezieren die verschiedenen Autor:innen und Interviewpartner:innen antisemitische Argumentationsmuster und Klischees z.B. in queeren Bewegungen (warum wird Israel "Pinkwashing" vorgeworfen, aber die weitaus schlimmere Lage queerer Menschen unter Herrschaft der Hamas und überhaupt in arabischen Staaten ausgeblendet?) , der DJ-Szene (warum gelingt es der BDS-Kampagne immer wieder, Auftritte israelischer DJs in der Welt und Auftritte von anderen DJs z.B. in Tel Aviv zu verhindern, aber für Auftritte in autoritären Staaten interessiert man sich nicht?) bis zur internationalen Klimabewegung (warum interessiert man sich obsessiv mit der durchwachsenen Klimabilanz Israels, obwohl es in anderen Staaten deutlich mehr zu entdecken gäbe?). Ja, man hätte sich über Greta Thunbergs Äußerungen weniger gewundert, wenn man das hier enthaltene Interview mit Luisa Neubauer früher gelesen hätte, indem sie erklärt, wie Fridays for Future in Deutschland mit selbstgestrickten Workshops schon länger gegen den Antisemitismus in den eigenen Reihen anarbeitet, wie Jugendliche, die sich für das Klima engagieren, plötzlich ohne vertiefte Kenntnisse durch Kampagnen wie BDS in Positionierungszwang zum Nahostkonflikt geraten.
Der BDS - also die Boykott-Kampagne gegen Israel, deren erste Unerstützerin der "Council for the National and Islamic Forces in Palestine" mit der Hamas als wichtigem Mitglied war, wird hier klar als antisemetische Struktur mit erheblichem Einfluss analysiert. Während sich viele noch damit schwer tun, und den Boykott als solchen noch nicht als antisemitisch ansehen aber immerhin viele Teilbereich der Aktivitäten und handelnde Personen, wenden die Autoren nüchtern die Drei-D-Formel zum Erkennen von Antisemitismus (Dämonisierung, Delegitimierung, Doppelstandards) an, um zu ihrem deutlichen Ergebnis zu kommen.
Und ja, als Linker schmerzt es, aber es gibt auch linken Antisemitismus (auch wenn das Label "links" dann eigentlich entzogen sein sollte). Schon die RAF begrüßte das Olympia-Attentat, bei dem 11 israelische Sportler ermordet wurden, als "antifaschistisch" und die Gruppe "Tupamaros" legte eine Bombe in ein jüdisches Gemeindehaus, um eine vermeintlich antiimperialistische Haltung zum Ausdruck zu bringen. Von solchen nur vermeintlich linken Terrorakten mag man sich heute leicht distanzieren, aber auch aktuell liest man wieder Gleichsetzungen von Faschismus und Zionismus in linken Kreisen - nur vereinzelt aber unerträglich.
Also: hier ist jedes Kapitel interessant - von der Auseinandersetzung mit der postkolonialen Bewegung bis zur katastrophal gescheiterten Documenta-Ausstellung, vom Punk bis zur Intersektionalität. Bei dieser breiten Fächerung erkennt man auch schnell, dass Antisemitismus nicht bloß ein weiterer Rassismus ist.