Elmar Altvater / Raul Zelik: Vermessung der Utopie – Ein Gespräch über Mythen des Kapitalismus und die kommende Gesellschaft (Blumenbar, 2009)le Nymoen & Wolfgang M. Schmitt (Kopie 1)

Roland Wiegmann

Ein Buch, das den kritischen Blick schärft für das, was politisch stets als unveränderbarer „Sachzwang“ verkauft wird. Altvater und Zelik sezieren in Form eines leicht lesbaren Gespräches die ideologischen Grundpfeiler des Gegenwartskapitalismus – und denken die Bedingungen einer anderen, demokra-tisch gesteuerten Reproduktion der Gesellschaft durch. Keine Heilslehre, sondern ein pragmatischer Werkzeugkasten für Kritik und Praxis.

Ein Buch, das den kritischen Blick schärft für das, was politisch stets als unveränderbarer „Sachzwang“ verkauft wird. Altvater und Zelik sezieren in Form eines leicht lesbaren Gespräches die ideologischen Grundpfeiler des Gegenwartskapitalismus – und denken die Bedingungen einer anderen, demokra-tisch gesteuerten Reproduktion der Gesellschaft durch. Keine Heilslehre, sondern ein pragmatischer Werkzeugkasten für Kritik und Praxis.

Eine Forderung Heinrich Heines stand Pate für Buchtitel und -inhalt: »Wir haben die Lande gemessen, die Naturkräfte gewogen, die Mittel der Industrie berechnet, und siehe, wir haben herausgefunden, dass diese Erde groß genug ist; dass sie jedem hinlänglichen Raum bietet, die Hütte seines Glücks darauf zu bauen; dass diese Erde uns alle anständig genug ernähren kann, wenn wir alle arbeiten und nicht einer auf Kosten des andren leben will; und dass wir nicht nötig haben, die ärmere Klasse an den Himmel zu verweisen.« Elmar Altvater kommentiert das: »Darum geht es oder sollte es uns gehen: Wir Menschen - die neun Milliarden, die wir bald sein werden können alle ein auskömmliches Leben haben, aber dafür müssen wir etwas tun und gleichzeitig vieles unterlassen. Wir müssen die Erde umgestalten, sie sozusagen ökologisch herrichten. ... Wir müssen die Klimakatastrophe verhindern ... Wir müssen verhindern, dass Finanz- und Wirtschaftskrise die sozialen Gegensätze nicht noch weiter verschärfen.« So sehr ihm darin zuzustimmen ist - das Nötige zu tun, ist natürlich nicht so einfach. Die aufzudeckenden Interessen- und die zu knackenden Machtstrukturen liegen ja nicht einfach so an der Oberfläche. Aber die Autoren zeigen einige Zusammenhänge und Perspektiven auf, die es Wert sind, sich genauer anzusehen.

So rekonstruiert Raul Zelik z.B. die Auflösung des internationalen Währungssystems von Bretton Woods 1971 - keine Angst, man braucht kein Ökonomie-Diplom, um das nachzuvollziehen - als politökonomische Konsequenz des US-Kriegs- und Finanzierungsbedarfs: die Goldbindung des Dollars fällt, weil die USA ihre Kriege mit mehr Papiergeld finanzieren müssen, als sie in Gold haben. 1973 der erste Ölpreisschock, der den USA aber nichts ausmacht, weil Öl in Dollars berechnet wird. Auch im Ausland konnten die USA sich problemlos mit ihrer Leitwährung verschulden (mehr Papiergeld drucken). Altvater dazu: »... Das geht allerdings nur, solange die Hegemonialstellung - die politisch, ökonomisch, kulturell, aber eben auch militärisch begründet ist - nicht infrage gestellt wird.« Entscheidend ist für die Autoren nicht nur die Monetarisierung der Hegemonie (den Dollar als Leit- und Ölwährung durchzusetzen), sondern vielmehr, dass die USA den Dollar als Ölwährung durch ein militärisches Schutzversprechen an die arabischen Ölstaaten fixierten, die daraufhin ihr Öl weiterhin gegen Dollars anboten. Der Rest der Welt hatte das Nachsehen und musste harte Devisen erwirtschaften. Militärische Macht als zentrale Voraussetzung der Dollar-Dominanz. Der Markt, so die nüchterne Lehre, ist nie „frei“; er ist gerahmt, garantiert, erzwungen. Darauf bezogen diskutieren Altvater/Zelik auch aktuellere Aufrüstungslogiken der Europäischen Union und deren Währungsambitionen – nicht als moralische, sondern als systemische Fragen.

Sehr klar kritisiert Altvater hier auch grün lackierte Modernisierungsversprechen wie den "Green New Deal". Die Langfristperspektive entscheidet hier: Verbesserungen ja – aber nicht um den Preis der Entpolitisierung. Ein Green New Deal, der Kapitalakkumulation fortschreibt und Verteilungsfragen neutralisiert, bleibt systembestätigend. Er sagt hier - durchaus in Anlehnung an Rosa Luxemburg, die auch Reformpolitik mit revolutionärer Realpolitik verbinden wollte: »Es wäre zynisch, auf Godot zu waren, d.h. auf das Ende des Kapitalismus. Wir ... ergreifen die wenigen Chancen, die sich zur Verbesserung der Lage, und sei es nur vorübergehend, bieten. Wir dürfen dabei nur nicht die längerfristige Perspektive aus dem Auge verlieren, die über den Kapitalismus, wie wir ihn kennen, hinausweist. Die Vertreter eines 'Green New Deal' hingegen wollen den Kapitalismus bruchlos fortsetzen. Seine Verteidiger meinen, dass er sowohl den Kapitalisten, den Banken und dem Staat als auch den Arbeitern und Angestellten einen Gefallen täte. Alles ginge weiter wie bisher, nur dass alles schön grün angestrichen wäre. Es ist eine ziemlich naive Vorstellung, dass in einer Klassengesellschaft alle nur gewinnen können.« Grüße an Sven Giegold (Grüne), Katharina Barley (SPD), Jörg Schindler (Linke) und Luisa Neubauer (Fridays) gehen 'raus.

Der rote Faden des Gesprächs von Altvater und Zelik ist die Frage, wer die gesellschaftliche Reproduktion an welchen Kriterien ausrichtet. Sie plädieren für eine demokratische Vergesellschaftung zentraler Reproduktionsmittel und -prozesse: nicht Staatsbürokratie anstelle des Marktes, das hat nicht funktioniert, sondern bewusste kollektive Steuerung nach dem Subsidiaritätsprinzip über Ebenen und Sektoren hinweg. Eigentumsformen werden plural gedacht (genossenschaftlich, kommunal, traditionell), Entscheidungsprozesse partizipativ, die Koordination als Plan-Markt-Mix – politisch gerahmt, ökologisch begrenzt, sozial priorisiert. Maßstab ist nicht das Preis-, sondern das Bedarfs- und Stoffwechselkriterium zwischen Mensch und Natur.

Zelik hebt den Vorschlag des renommierten marxistischen Wissenschaftlers Michael Krätke hervor, der eine Verbindung von Wirtschaftsdemokratie und Vergesellschaftung anstrebt. Allerdings äußert Zelik Zweifel daran, ob eine fortbestehende Marktgesellschaft mit weiterhin atomisierten Individuen tatsächlich stabil bleiben kann. Altvater sieht die Stärke eines solchen Übergangspfads, benennt aber dessen Widerspruch: Er ist nicht radikal genug, um Herrschaftsstrukturen wirklich zu kippen – und zugleich „zu radikal“ für heutige Machtverhältnisse.

Der entscheidende Dreh ist für Altvater: ohne neues Energiemodell keine neue Gesellschaft. Setzt man auf zentrale Großtechnologien (gleich welcher Farbe), reproduziert man politische Zentralisierung und Delegation. Dezentrale, erneuerbare Infrastrukturen sind daher nicht nur Klimapolitik, sondern Demokratiearchitektur.

Mehr als einen Gedanken sollten wir als politisch Aktive auf die von Zelik im Buch aufgezählten Leitthesen verwenden: Utopie ist kein Bauplan, aber sinnvoll im Prozess kollektiver Rückeroberung der Verfügung über Arbeit und Ökonomie - ein rationaler Umgang mit Natur, Arbeit und Ressourcen verlangt deren Befreiung vom Profit- und Akkumulationszwang - radikale Demokratie inkl. rätedemokratischer Elemente erzeugt zwar zwangsläufig auch wieder neue Konflikte, die politisch bearbeitet werden müssen, wären aber ein Riesen-Fortschritt gegenüber heute - interessant die Idee: Märkte als Verteilungsinstrumente können sinnvoll sein, solange die Entfaltung der Ökonomie demokratisch beschlossen wird. Zentral: Eigentum ist eine Machtfrage - ohne Vergesellschaftung strategischer Ressourcen bleibt „Postkapitalismus“ Rhetorik.

Die „Vermessung der Utopie“ überzeugt dort am stärksten, wo es Ideologie mit Institution verbindet: Finanzmythen mit Kriegsökonomie, Energiesysteme mit Herrschaftsformen, Medienrituale mit Konsumzwängen. Das Buch immunisiert gegen die Versuchung, die Gegenwartsordnung als unveränderlichen Naturzustand zu nehmen, und greift damit eine zentrale These marxistischer Theorie - den Fetischcharakter der Ware - neu auf. Altvater und Zeliks Stärke ist die Politikfähigkeit der Utopie: konkrete Kriterien, Übergänge, Konfliktfähigkeit.

Lesen. Nachdenken. Gemeinsam streiten – nicht für grün lackierte Sachzwänge im Kapitalismus, sondern für die demokratische Kontrolle unserer Lebensverhältnisse – für das gute Leben, nicht für den perfekten Plan.