Ole Nymoen: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde
Ein Buch als ein Schlag ins Gesicht der national selbstverständlichen Staatsräson.
Ole Nymoen legt mit "Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde" ein provozierendes, zugleich grundlegend philosophisches Buch vor. Ausgangspunkt ist die Frage, ob es eine Interessenidentität zwischen Staaten / Regierungen und ihren Bevölkerungen gibt – und ob der Einzelne sein Leben für die Zwecke „seines“ Staates opfern sollte. Gleichgültig wie man im einzelnen dazu steht, sind die Thesen dieses Buch eine glänzende Gelegenheit der Überprüfung der eigenen Standpunkte.
Krieg, Staat und Interessen - das Buch ist jenen gewidmet, „die von ihren Herrschern bloß als nützliche Idioten im Schützengraben eingeplant sind“ - so Ole Nymoen selbst. Es ist zwar eine gängige Redewendungen, Kriege seien "so sinnlos", aber tatsächlich sind sie das niemals. Krieg hat Zwecke – nur nicht die der Soldaten, die ihr Leben einem fremden Ziel opfern. Lohnabhängige aller Länder haben in der Regel sehr ähnliche und nicht gegensätzliche Interessen. Nymoen kritisiert die gängigen Worthülsen zur „Sinnlosigkeit des Krieges“ als Ablenkung von Interessenpolitik und verweist auf historische Beispiele, in denen Herrscher bereitwillig Menschenopfer für höhere Ziele in Kauf nahmen. Legitimität staatlicher Gewalt setzt eine behauptete Interesseneinheit voraus. Für Nymoen aber ist klar: In üblichen militärischen Konflikten fallen die Interessen von Volk und Führung auseinander. Soldaten sind „Manövriermasse“. Mit Kant erinnert er daran, dass Menschen niemals bloß Mittel, sondern grundsätzlich und immer Zweck an sich sein sollten.
Staaten, Nationen, Antagonismen - Nymoen wendet sich gegen die klassische Vertragstheorie: Staaten entstehen nicht durch Konsens, sondern durch Gewalt. „Krieg schafft Staaten.“ Staaten sind für ihn „kontingent gewachsene Gewaltmonopolisten, Herrschaftskonstrukte“. Unter Bezug auf Marx formuliert er: Staatsbürger zu sein sei kein Glück, sondern Pech – weil die Unterordnung unter verschiedene Staaten künstliche Gegensätze (Antagonismen) schafft. Daraus ergibt sich auch seine Kritik am nationalen „Wir“: Formeln wie „unsere Grenzen“ oder „unser Wohlstand“ kaschieren Klassengesellschaft und Interessengegensätze zwischen den Klassen - auch aller Länder. Nymoen zeigt, wie nationalistische Ideologie Menschen dazu bringt, Unterschiede zu anderen Völkern als wesentlich zu betrachten und notfalls kriegerisch auszutragen.
Freiheit, Liberalismus und Militarismus - besonders scharf greift Nymoen den Liberalismus an. Er zitiert eine FDP-Kampagne, die Strack-Zimmermann im EU-Wahlkampf als „Oma Courage“ inszenierte, und zeigt die Absurdität eines Freiheitsverständnisses, das Luxuskonsum - von der Privat-Cesna bis zu den 200km/h auf der Autobahn (während andere sich kein Bahnticket leisten können) als individuelle 'Freiheit' verteidigt, im Krieg aber ebendiese 'Freiheit' (besonders derjenigen Niedriglöhner, deren Schicksal den 'Freien' sonst egal ist) preisgibt. „Wenn es um Krieg geht, darf der Staat ganz frei über seine Bürger verfügen.“ Freiheit, so Nymoen, wird zum Mittel staatlicher Legitimation – solange die Herrschenden sich sicher fühlen. Wo sie es nicht tun, zeigen Verbote und Repressionen, dass auch freiheitliche Staaten autoritär werden können. Wir sehen diese Einschätzung von Nymoen tagtäglich in den harschen Reaktionen à la Pistorius oder Hofreiter auf antimilitaristische Äußerungen, welche z.B. die Notwendigkeit von Waffenlieferungen und Hyperrüstung bestreiten. Nicht vergessen sei an dieser Stelle die bekannte, unsägliche Schmähung pazifistischer Menschen als "Lumpenpazifisten" durch diesen sich 'linksliberal' gebärdenden Marketing-Irokesen Sascha Lobo (Hofschranze, die sich mit einem sechsstelligen Jahreseinkommen für seine Regierungs-Apologetik belohnen lässt) und die Wirkung auf das schwächliche Rückgrat eines Campino von den Toten Hosen, der sich in den Mainstream wegduckt.
Ideologien, Holocaust-Instrumentalisierungen und andere zweifelhafte Argumente - ein zentraler Teil des Buches von Nymoen behandelt den Missbrauch historischer Vergleiche. Die inflationäre Bezugnahme auf Hitler als Kriegsgegner („Putler“) diene dazu, Verhandlungen gegenüber Waffenlieferungen zu delegitimieren und eigene Gewalt zu rechtfertigen. Halten wir einen Moment inne. Der Holocaust ist eine Singularität, ein „historischer Sonderfall“. Wer ihn dennoch für seine Zwecke instrumentalisiert (etwa wie unser grüner Ex-Vizekanzler und Ex-Steineschmeisser Josef "Joschka" Fischer im Jugoslawienkrieg das ja machte, indem er dieses falsche Analogiemuster konstruierte, um deutsche Kriegsbeteiligung in Bosnien als moralische Pflicht darzustellen), der relativiert ihn, verharmlost ihn, begeht einen Vergleichs-Missbrauch, nur um im aktuellen Konfliktfall die Alternativlosigkeit der Aufrüstung zu behaupten.
(Alles eine Frage der Perspektive, weiß der Zeichner Tom Gauld, nicht im Buch)
Internationale Macht und Recht - Nymoen zeigt an Beispielen wie dem US-amerikanischen „American Service-Members Protection Act“, wie der globale Machtstaat sich bewusst über internationales Recht stellt. Dass die USA sich mit dieser sich selbst gegebenen Erlaubnis das Recht vorbehalten, in Den Haag einzumarschieren, um eigene Militärs vor der Verurteilung als Kriegsverbrecher zu schützen, demonstriert für Nymoen unverblümte Verachtung gegenüber universalen Rechtsprinzipien.
Persönliche Konsequenz - Immer wieder betont Nymoen, dass sein Buch keine Aufforderung an andere sei, sondern die Begründung für seine eigene Haltung. Er lehnt es ab, sein Leben für Meinungsfreiheit, Vaterland oder abstrakte Werte zu opfern oder andere dafür zu töten. „Ich will nicht gezwungen sein, zwischen meinem Leben und der nicht zu tilgenden Schuld des Mordes zu entscheiden.“ Klar und radikal formuliert er: „Ich lebe lieber in Unfreiheit, als für diese Freiheit zu sterben.“ Der medial entfachte Shitstorm, der gegen ihn nach Publikation dieses Buches losgetreten wurde, sagt einiges aus über die moralische Spaltung dieses Landes. In der Wochenzeitung der Freitag berichtete Nymoen: »Wenn man sich auf Twitter umsieht, wundert man sich, dass ich überhaupt noch lebe«. Nymoen berichtet auch von den ziemlich negativen, linksliberalen Besucher-Reaktionen in Sarah Bosettis Late-Night-Show - im Gegensatz zu den wohlwollenden Technikern im Studio-Backstage. Es drängt sich die Frage auf, ob diesbezügliche Meinungen sich in sozialen Diskursgemeinschaften gruppieren - die einen verteidigen wohlfeil unsere westlichen Werte - die, deren Kinder ein Kriegseintritt nicht mehr betrifft. Die anderen, die im Ernstfall per Wehrpflicht an die Front geschickt werden, um unsere 'Freiheit' zu verteidigen.
Fazit - Nymoens Buch ist erfrischend klar, polemisch zugespitzt und dabei philosophisch fundiert. Er deckt die ideologischen Mechanismen auf, mit denen Staaten ihre Bürger in Kriege führen, und zeigt, wie eng Nationalismus, Liberalismus und Militarismus verbunden sind. Dass seine Thesen heftigen Widerspruch hervorrufen, ist kaum verwunderlich – sie stellen die moralische Grundlage staatlicher Legitimation in Frage. Gerade deshalb ist dieses Buch ein wichtiger Beitrag zu einer Debatte, die in Zeiten neuer Aufrüstung dringender ist denn je.
Lesen. Nachdenken. Gemeinsam streiten – für das gute Leben,
nicht für den perfekten Plan.


