Treffen: Stadtteilgruppe Niendorf/Schnelsen

Treffen am 13.9.23, 19.00 Uhr, Alte Schule, Tibarg 34.

"Strategien gegen Rechts - Linke Politik gegen AfD und Co."

Mit Einleitung von
Gernot Wolter (Mitglied des Landesvorstandes DIE LINKE. Hamburg)

Dass Affekte/Emotionen ein wesentlicher Teil von politischer Mobilisierung sind, sollte eigentlich eine
Binsenweisheit sein, ist es aber tatsächlich in der – linken - Praxis nicht. Paul Mason schreibt das in
seinem aktuellen Buch "Faschismus" dem in der Linken dominierenden marxistischen Anspruch auf
Wissenschaftlichkeit zu – Affekte können aber in der direkten Auseinandersetzung nicht erfolgreich durch
Fakten gekontert werden. Wir sehen dies bei Gender-Themen ebenso wie beim Umgang mit dem
heimisch werdenden Wolf. Der Begriff des „linken Populismus“ scheint aber auch falsch gewählt, weil auf
der Linken Populismus als untrennbar mit antidemokratischen Politiken verknüpft verstanden wird.
Paul Mason überrascht damit, dass er Frauenfeindlichkeit als „Einstiegsdroge zum modernen
Faschismus“ bezeichnet und er führt aus: „Nur wenige Rassisten haben tatsächlich ihren Arbeitsplatz an
einen Immigranten verloren. Aber jeder heterosexuelle Mann kann den Unterschied zwischen der
Ideologie der „Männlichkeit“ und der Realität spüren, in der die Frauen zunehmend ihre eigenen Normen
für Schönheit und sexuelles Verhalten definieren können“.
Und Frauenfeindlichkeit ist der gemeinsame Nenner aller faschistischen Bewegungen: alle träumen von
einer ethnischen Vorherrschaft, aber in „Nordamerika sind sie Weiße, in Europa Europäer, in Indien
Hindus, in Brasilien oder Bolivien Nachfahren der europäischen Kolonialherren. Die Misogynie hingegen
ist eine universelle Sprache.“
In ihrer Untersuchung rechter Auftritte in Deutschland und Österreich über die sozialen Medien können
Sauer/Penz ("Konjunktur der Männlichkeit- Affektive Strategien der autoritären Rechten") sehr schlüssig
nachweisen, dass im Umfeld der Mehrfachkrise insbesondere die Ideologie des Kampfes gegen die
„Entmannung“ extrem anschlussfähig ist. Und diese Änderungen können von der Zielgruppe gut
nachgespürt werden – vom Industriearbeiter zum Dienstleister mit „soft skills“, vom Familienvorstand
zum „nur“ gleichberechtigten Partner und vom herrschenden Geschlecht zu einem, das jenseits der
Biologie plötzlich sehr vielfältig auftritt. Wenn Bernd Höcke davon spricht, dass Männer wieder männlich,
mannhaft und damit wehrhaft (die weiße Frau oder das Vaterland verteidigend) werden sollen, kann
man(n) die Klebrigkeit dieser Fliegenfalle kaum abschütteln.
Und Sauer/Penz weisen nach, dass es sich hier um die Kernstrategie der extremen Rechten handelt, die
eben auch zum Teil durch konservative, demokratische Parteien mitgetragen und damit diskutabel
gemacht wird (siehe ÖVP oder Hamburger CDU).
Ein heikles aber zu klärendes Thema ist zudem die Distanz zwischen Teilen der von der Linken
erwünschten Wähler:innenschaft und den Identitätsthemen. Paul Mason sagt zum Umgang mit diesem
Kulturkampf klar, dass man auf der Seite der Progressiven bleiben muss: „Der Kulturkampf in den
Arbeitergemeinden ist nicht zu vermeiden“, auch wenn dies Stimmen kostet. Er verweist darauf, dass es
letztlich die Machtlosigkeit der Menschen „auf beiden Seiten des kulturellen Grabens“ ist, die den
Rahmen der Auseinandersetzung bildet.